HCB – Millionenschäden in Kärnten

 

Eine Chronologie der Ereignisse:

Am 26. November wird bekannt, dass im Görtschitztal in Tierfutter und Milch giftiges Hexachlorbenzol (HCB) gefunden worden. Bald gibt es eine heftige Diskussion darüber, wer wann was wusste. Auch die Zukunft der Deponie Brückl, wo der HCB-hältige Blaukalk gelagert wird, steht zur Debatte.

26. November: Agrarlandesrat Christian Benger (ÖVP) lädt zu einer Pressekonferenz und gibt bekannt, dass HCB in Milch und Futter gefund

European Court Experts stellen Schäden fest. Millionenklagen erwartet

European Court Experts stellen Schäden fest. Millionenklagen erwartet

en worden sei. Zunächst heißt es, das Gift sei durch „Emissionen

ungeklärter Herkunft“ in die Luft gelangt. 35 Betriebe seien betroffen, so Benger. Umweltlandesrat Rolf Holub (Grüne) sagt, man habe bereits Ende September davon erfahren und alle Maßnahmen eingeleitet. Die Molkereien der Region sagen, ihre Produkte seien nicht betroffen – mehr dazu in Umweltgift in Milch und Futtermitteln.

Deponiekalk als Ersatzrohstoff
Unter Blaukalk versteht man laut Hartwig Kraiger von GWU Salzburg den Rückstand von Karbidkalk, der durch die Beimengung von Wasser Acetylengas freisetzt. Blaukalk sei an sich harmlos. Die Blaukalke in Brückl seien aber mit verschiedenen Chemikalien verunreinigt, darunter Hexachlorbenzol.

27. November: Es wird bekannt, dass das Gift HCB vermutlich von den Wietersdorfer und Peggauer Zementwerken in Brückl stammt. Dort werden belastete Blaukalke der Donau Chemie AG verbrannt. Die Staatsanwaltschaft nimmt Ermittlungen auf. Laut Donau Chemie verbrennt HCB rückstandslos bei Temperaturen von mindestens 800 Grad. Wietersdorfer habe im Oktober von der Kontamination erfahren, heißt es. Am 7. November ist die Verbrennung eingestellt worden.

Die Affäre lässt die Wogen in der Politik hochgehen. Landeshauptmann Peter Kaiser (SPÖ) soll überhaupt erst am Tag der Pressekonferenz von dem Problem erfahren haben. Die Opposition verlangt Aufklärung. Die Bevölkerung reagiert verunsichert, denn nun werden auch Proben von Hausgärten gezogen. Für die Fragen besorgter Bürger – etwa, ob man Obst und Gemüse, das im Sommer eingekocht wurde, noch essen darf – wird eine Hotline eingerichtet.

Blaukalk ist an sich harmlos. Durch andere Giftstoffe wie HCB ist er auf der Deponie der Donau Chemie AG aber vermischt und damit zu Sondermüll geworden.

 

Landwirtschaft ist mit bislang unabsehbaren Folgen betroffen. European Court Experts stellen Schäden fest.

Landwirtschaft ist mit bislang unabsehbaren Folgen betroffen. European Court Experts stellen Schäden fest.

28. November: Greenpeace übt massive Kritik an den Kärntner Behörden, weil die Abgase der Verbrennung des Blaukalks nicht auf HCB getestet worden sind. Es hätte allen klar sein müssen, dass HCB emittiert wurde. Holub legt noch nach und vermutet weitere Emittenten neben den Zementwerken. Denn HCB entstehe auch bei unvollständiger Verbrennung beim Hausbrand. Eine Sonderprüfung wird angekündigt. Es wird bekanntgegeben, dass getestete Milch frei von HCB sei, nur Futtermittel seien belastet, und zwar in acht Fällen. Das Futter wird vernichtet.

29. November: Die Wietersdorfer Zementwerke geben bekannt, dass der Blaukalk vermutlich mit zu geringer Temperatur verbrannt worden sei und es so zur Kontamination der Luft gekommen sei. Die Abgase seien nie auf HCB getestet worden. In den Vorschriften sei diese Messung nicht angeführt gewesen. Landwirtschaftskammer-Präsident Johann Mößler sagt, der Verursacher solle den Schaden tragen.

30. November: Der Ruf nach einem Untersuchungsausschuss zur Affäre wird lauter. Es wird versichert, dass Bodenproben unauffällig gewesen seien.

1. Dezember: Die Regierungsparteien treffen sich zu einem Krisengespräch. Laut Landeshauptmann Kaiser gibt es keine aktuelle Belastung in der Luft und keine Gefährdung in Wasser, Boden oder Milch. Die Volksanwaltschaft kündigt eine Prüfung an.

2. Dezember: Der Kärntner Landtag beschließt einen Untersuchungsausschuss zum Umweltskandal unter Vorsitz des BZÖ. 34 Höfe dürfen ihre Milch wieder verkaufen, 13 bleiben unter Beobachtung. Obst- und Gemüseproben seien bisher unbedenklich, heißt es. Umweltlandesrat Holub sagt, es gebe Hinweise auf einen Schwarzhandel mit Blaukalk. Die Donau Chemie sagt, Blaukalk werde als Dünger verkauft, er stamme aber aus einer unbelasteten Deponie.

3. Dezember: Die Geschäftsführung der Wietersdorfer und Peggauer Zementwerke sagt, man habe die Emissionen minimieren und optimieren wollen, dabei sei aber der HCB-Wert gestiegen. Die Futtermittelkontrollen beginnen bei den Betrieben, die erhöhte Werte aufgewiesen haben.

4. Dezember: Die Landessanitätsdirektion empfiehlt, weiterhin keine Milch oder andere Produkte aus der Region zu konsumieren.

5. Dezember: Bei einer Bürgerinformation, zu der die Wietersdorfer Zementwerke einladen, kommt es zu Tumulten, als mehr Menschen in den Saal wollen, als möglich ist. Wietersdorfer entschuldigt sich. Die Wirtschaftskammer schlägt vor, einen Fonds für die Geschädigten einzurichten. Greenpeace fordert, auch auf Chlorwasserstoffe in der Region zu testen. Die Umweltschutzorganisation gibt bekannt, dass bei eigenen Tests sehr wohl belastete Produkte im Handel gefunden worden seien, konkret Topfen und Milch der Marke Sonnenalm – mehr dazu in HCB-Skandal: Tumulte bei Bürgerversammlung.

6. Dezember: Der Betrieb Sonnenalm, in dessen Milch- und Topfenprodukten im Handel überhöhte HCB-Werte gemessen worden sind, stellt die Produktion vorläufig ein. Auch verseuchtes Fleisch wird gefunden, und zwar von Rind, Schwein und Rotwild aus der Region.

8. Dezember: Die Landesregierung beruft eine Sondersitzung ein. Man will auf die zunehmende Kritik am Krisenmanagement mit einer Informationsoffensive reagieren. Die Warnung vor Konsum von Lebensmitteln aus dem Görtschitztal bleibt aufrecht. Die Bevölkerung soll auf freiwilliger Basis Bluttests durchführen lassen, auch Muttermilch soll getestet werden, weil sich HCB in Fett einlagert.

9. Dezember: Das Umweltbundesamt gibt leichte Entwarnung, laut vorliegenden Daten sei die Gefahr für die Bevölkerung nicht so groß. Umweltexperten sagen, durch die Verwendung von HCB als Beizmittel gebe es in ganz Österreich historische Belastungen aus früheren Jahrzehnten. Die Übertragung durch die Luft wie in Kärnten sei aber einzigartig – mehr dazu in HCB nicht nur im Görtschitztal.

10. Dezember: Es wird bekanntgegeben, dass der HCB-U-Ausschuss des Kärntner Landtags am 16. Dezember starten soll. Wilhelm Korak (BZÖ) wird den Vorsitz führen, er ist gebürtiger Görtschitztaler und will die Sitzungen „objektiv und transparent“ führen und nicht zu einem Tribunal machen. Umweltlandesrat Holub kritisiert Agrarlandesrat Benger in der ZIB2, weil dieser als Erster die Öffentlichkeit informiert hat, ohne sich mit den Regierungskollegen abzustimmen.

In der Butter eines Direktvermarktes wird ein erhöhter Wert von HCB gemessen. Der Bauer muss die Produkte vernichten und seine Kunden verständigen – mehr dazu in HCB bei bäuerlichem Direktvermarkter. Die Wietersdorfer Zementwerke, die bereits eingeräumt haben, für die HCB-Belastung im Görtschitztal zumindest mitverantwortlich zu sein, sagen nun, man habe sich genau an die Bescheide gehalten. Das Land hält dagegen: Es habe bei der Blaukalkverbrennung Fehler gegeben. Der Bescheid sei eindeutig – mehr dazu in HCB: Kehrtwende bei Wietersdorfer.

Massive gesundheitliche Gefährdung  wirkt sich auch auf Tourismus, Gastronomie und die gesamte Wirtschaft aus

Massive gesundheitliche Gefährdung wirkt sich auch auf Tourismus, Gastronomie und die gesamte Wirtschaft aus

11. Dezember: Nach der Informationsveranstaltung für die betroffenen Bauern am Tag davor sind für sie noch viele Fragen offen, vor allem die Frage, wer für Schadenersatzzahlungen aufkommen soll. Derzeit zahlen die Wietersdorfer Zementwerke Ersatzfutter und Ersatz für kontaminierte Milch. Die FPÖ erhebt schwere Vorwürfe, die HCB-Werte seien schon im Jahr 2013 bekannt gewesen. Die Vermarktungsgesellschaft BVG sagt aber, es seien Fleischproben aus mehreren Bundesländern gemischt worden. Man könne also nicht sagen, ob das Fleisch aus Kärnten sei.

Aber auch die Bundesagentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (AGES) hat bereits Ende März in mehreren Lebensmittelproben aus dem Görtschitztal Überschreitungen der Grenzwerte für HCB festgestellt. Öffentlich sind diese Zahlen damals aber nicht geworden. Denn da es keine Grenzwerte für verarbeitete Lebensmittel wie Topfen gibt, sondern nur für Rohmilch, hat die Lebensmittelaufsicht die Werte zurückgerechnet, somit hat sich dann keine Überschreitung mehr ergeben.

Ex-ÖVP-Umweltlandesrat Wolfgang Waldner sagt, er habe von den Überschreitungen gewusst, die Lage sei aber nicht dramatisch dargestellt worden. Er sei dann aus der Regierung ausgeschieden und habe seinen Nachfolger darüber nicht informiert – mehr dazu in HCB: Grenzwertüberschreitung seit März bekannt. Die Beratungsgespräche in der Region starten, es wird erhoben, ob und wie viele Bluttests nötig sind. Die Tests erfolgen auf freiwilliger Basis, Vorrang haben Schwangere und Stillende.

12. Dezember: Landeshauptmann Kaiser sagt, alles sei gesetzlich in Ordnung gewesen, man sei aber „klüger“ geworden, was die Informationspolitik betreffe – mehr dazu in Kaiser zu HCB: Sind „klüger“ geworden.

Alfred Dutzler, der Leiter der Lebensmittelaufsicht Kärnten, sagt, er habe das Gesundheitsministerium im Juni informiert. Offenbar wolle man dort mit der Sache nichts zu tun haben.

12. Dezember: Knapp 1.000 Bewohner des Görtschitztals nahmen an den ersten beiden Informationsveranstaltungen des Landes in Brückl und Klein St. Paul teil. Die Umweltexperten versicherten dabei den Bewohnern: die Dosis mache das Gift. Das Hexachlorbenzol sei in zu geringen Dosen im Görtschitztal gemessen worden, um die Gesundheit zu gefährden. Dennoch bleibt das Verbot, keine Lebensmittel aus dem Görtschitztal zu essen, aufrecht – mehr dazu in HCB: Experten orten keine Gesundheitsgefährdung

13. Dezember: Eine Entwarnung in Sachen Hexachlorbenzol (HCB) im Görtschitztal kommt für die Umweltschutzorganisation Greenpeace zu früh. Sie mahnt weiter zur Vorsicht, lobt aber die Informationspolitik der Landesregierung in den vergangenen Tagen – mehr dazu in HCB: Greenpeace rät weiter zu Vorsicht.

14. Dezember: Wegen des HCB-Skandals sind nicht nur die Wietersdorfer Zementwerke, sondern auch die Abteilungen der Landesregierung sowie die Dreierkoalition mit massiven Vorwürfen konfrontiert. Politologe Peter Filzmaier analysierte mögliche Folgen für die Politik – mehr dazu in Politische Folgen des HCB-Skandals.

Die Grünen wollen nach dem Auffliegen der HCB-Affäre im Görtschitztal mittelfristig umfassende Konsequenzen auf behördlicher Ebene sehen. Die Genehmigung und Kontrolle von potenziell gefährlichen Industrieanlagen sollten in einem Verfahren bzw. bei einer Behörde konzentriert werden – mehr dazu in HCB: Grüne fordern einheitliches Anlagerecht.

15. Dezember: In einer Spinat- und einer Salatprobe aus einem Hausgarten in unmittelbarer Nähe des Zementwerks werden Spuren von Quecksilber gefunden. Das Gemüse wurde entsorgt, obwohl es für Gemüse keine Grenzwerte gibt. Das Land rät Betroffenen, Gemüse nicht auf den Kompost zu werfen, sondern in den Hausmüll und weiterhin keine selbst angebauten Obst- und Gemüseprodukte zu essen, bis die Ergebnisse der Proben feststehen.

Landeshauptmann Peter Kaiser sagt, er setzt weiterhin auf Transparenz und damit auf den U-Ausschuss, der am 16. Dezember startet.

16. Dezember: Die Landesregierung entzieht den Wietersdorfer Zementwerken per Bescheid die Genehmigung für die Verarbeitung von mit HCB belastetem Blaukalk – mehr dazu in HCB: Genehmigung für Blaukalk entzogen. Erstmals treffen auch die Mitglieder des HCB-U-Ausschusses erstmals zusammen. Rechtsbeistand wird der frühere Leiter der Staatsanwaltschaft, Dietmar Pacheiner – mehr dazu in HCB-U-Ausschuss trat zusammen. Die Grünen kritisieren Bescheid und Kontrolle der Kalkbrennung im Wietersdorfer Zementwerk. Es habe auch keinen Probebetrieb gegeben, die Messung von HCB war nicht verordnet. Das Genehmigungsverfahren für die Brennung des Deponiekalks habe nur sechs Wochen gedauert – mehr dazu in Grüne zu HCB: Kaum Auflagen für Zementwerk.

17. Dezember: Der Geschäftsführer der Kärntnermilch in Spittal, Helmut Petschar sagt, die Kunden seinen verunsichert, die Wirtschaft leide unter dem HCB-Skandal. Die Kärntnermilch verarbeitet keine Milch aus dem Görtschitztal, aber es gebe dennoch einen massiven Imageschaden.

Im Bereich der Giftkalkdeponie Brückl werden verstärkt Wasserproben der Gurk genommen. Greenpeace testet erneut Milchprodukte, alle negativ auf HCB, Quecksilber und Chlorkohlenwasserstoffe.

Die Wietersdorfer und Peggauer Zementwerke kündigen an, gegen den Verbotsbescheid, die Kalkbrennung betreffend, zu berufen. Es gehe aber nicht um einer weitere Brennung des verseuchten Blaukalks, sondern um rechtliche Details, wird betont – mehr dazu in Wasserproben neben Giftkalkdeponie ausgeweitet

Die Landwirtschaftskammer übt in ihrer Vollversammlung Kritik, auch an den Medien. Bauern seien die Leidtragenden und nicht die Verursacher. Ein vorgeschlagener interner U-Ausschuss wurde aber abgelehnt. Man fordert die Aufstockung des Soforthilfefonds.

Eine Klagenfurter Anwaltskanzlei bietet eine Reihe von Informationsveranstaltungen für HCB-Betroffene an. Man erteile kostenlos Auskunft, will die Aktion aber nicht als Kundengewinnung verstanden wissen.

18. Dezember: Für Aufregung sorgt ein Auszug aus dem österreichischen Krebsregister – im Zusammenhang mit dem HCB-Skandal. Die Krebsrate in Kärnten ist im österreichweiten Vergleich am höchsten, am schlechtesten schneidet der Bezirk St. Veit an der Glan ab, in dem das Görtschitztal liegt. Es bestehe kein Zusammenhang, beruhigte Michael Kundi vom Wiener Institut für Umwelthygiene – mehr dazu in Hohe Krebsrate: Kein Zusammenhang mit HCB.

19. Dezember: Das Land gibt bekannt, dass in zwei Fischproben aus dem Görtschitztal HCB gefunden wurde, allerdings unter dem Grenzwert von 0,025 mg/kg. Es wird weiterhin vom Verzehr abgeraten – mehr dazu in HCB: Zwei Fischproben positiv getestet.

20. Dezember: Greenpeace und das Umweltministerium können sich vorstellen, dass im Zementwerk Wieterdorf mittelfristig wieder HCB-haltiger Deponie-Kalk verarbeitet wird, da es die sicherste Lösung sei – mehr dazu in HCB-Blaukalk: Brennen besser als Deponie?. Auch die wirtschaftlichen Folgen des HCB-Skandals sind immer noch nicht abschätzbar. Leidtragende sind die Bauern und vor allem Biobauern und Direktvermarkter – mehr dazu in HCB: Biobauern fürchten um Existenz.

One thought on “HCB – Millionenschäden in Kärnten

  1. Es ist ein Wahnsinn was da in Körnten passiert mit Land und Leuten. Wir hoffen dass hier die Sachverständigen und Gerichte ein klares Wort für die Betroffenen Bürger ergreifen. Und ein finanzieller Ausgleich ist unbedingt notwendig.

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